Regionalmanagement Thüringer Bogen:
Bis März nächsten Jahres können sich Besucher des Waffenmuseums Suhl in einer Sonderausstellung über die Entwicklungsgeschichte von Ferngläsern informieren. „Mit Durchblick zur Fernsicht“ verspricht interessante Streiflichter nicht nur durch die Anwendungsgebiete. Die Eigenart von Fernrohren nach galileischer Bauart wird mit der keplischer verglichen und deren Weiterentwicklungen verfolgt. Diese überaus interessante Schau zeigt ausschließlich Ferngläser verschiedener Epochen aus der Sammlung von Uwe Kracht. Der Gothaer hat auch das Begleitheft zur Sonderausstellung verfasst.
Als er fünf oder sechs Jahre alt war, erstand sein Vater ein Fernglas. Natürlich von Zeiss und ordentlich nummeriert, damit sein Platz in der Fernglas-Familie des Herstellers genau bestimmt werden kann. Das interessierte den Steppke überhaupt nicht. Stolz wie Bolle, sagt er, habe er es sich um den Hals gehängt und sei im Familienurlaub den Strand entlang marschiert. Ob da schon der Keim für seine Leidenschaft gelegt war – Uwe Kracht vermag es nicht wirklich zu sagen. Sicher ist, dass er während seiner Zeit bei der Nationalen Volksarmee der DDR intensiv mit optischen Geräten umgehen musste. Dort war er verantwortlich für Instandhaltung und Instandsetzung militärischer Fernoptik. Bis dahin dachte der Gothaer, das beste optische Instrument sei das menschliche Auge. „Aber da habe ich erfahren, wie sehr eine Fernoptik die Grenzen unseres Sehens erweitern kann“, sagt Kracht. So groß die Faszination auch war, zu dieser Zeit war es ihm nicht vergönnt, ein Fernglas sein Eigen zu nennen.

Blick vom Gläserberg | © Uwe Kracht
Das änderte sich mit dem Ende der DDR. Da tauchten auf den Flohmärkten plötzlich die tollsten Geräte auf, zu Schleuderpreisen, wie Kracht betont. Das betraf auch hochwertige Produkte von Carl Zeiss, und die wurden der Grundstock für die Sammlung des Gothaers. Auch heute noch ist er auf Flohmärkten unterwegs, wenngleich es sich mittlerweile ebenso lohnt eBay und andere Anbieter im Auge zu behalten. Was er mittlerweile zusammengetragen hat, umfasst die Meilensteine der Fernglasentwicklung ab 1800, zumindest von deutschen Herstellern. „Das ist eine Sammlung, mit deren Hilfe die Entwicklungsgeschichte dieser optischen Geräte anschaulich dargestellt werden kann“, sagt Kracht, und da sei es nur logisch gewesen an Museen heranzutreten. „Weil es aus meiner Sicht kein Museum gibt, dass die Geschichte des Fernglases erzählt.“ Außer den Betriebsmuseen, die allerdings die Firmengeschichte im Fokus haben.
Gefreut hätte es den Gothaer, wenn er in seiner Heimatstadt diesen Traum hätte verwirklichen können. Immerhin war die Stadt im 18. und 19. Jahrhundert ein europaweit führendes Zentrum der Astronomie. Und die basiert auf hochwertigen optischen Gerätschaften. „Interesse war auch da“, sagt Kracht, „aber das Konzept der Stiftung Schloss Friedenstein steht einmal schon für die nächsten Jahre und Ferngläser sind da nicht eingebunden.“ Der Sammler nahm mit mehreren Museen Kontakt auf; Nägel mit Köpfen machte dann allerdings das Team vom Suhler Waffenmuseum.

Blick auf den Thüringer Wald | © Uwe Kracht
Kracht lernte Elektromonteur, studierte dann Maschinenbau in Zwickau und arbeitete schließlich in Eisenach in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung vom Wartburg-Werk. Als das 1991 aufhörte zu existieren, ging er nach Frankfurt am Main ins Europäische Forschungszentrum von Mazda, wo er sich zum Entwicklungsleiter hochgearbeitet hat. In den immerhin 33 Jahren hat er intensiv gesammelt. „Dabei habe ich mehr und mehr begriffen, um welch bedeutendes, technisches Kulturgut es sich bei Ferngläsern handelt. Um es zu betreiben, braucht’s keine Energiezufuhr, allein heimische Rohstoffe sind für die Herstellung nötig – der Rest ist schöpferische Arbeit des Menschen. Also habe ich mir gesagt: Wenn du Rentner bist, kümmerst du dich ausschließlich um den Erhalt und die Erforschung und, wie gesagt, die Verbreitung von Wissen über dieses optische Gerät.“
Unterstützung bekam Kracht dabei von Hans T. Seeger, Autor unzähliger Publikationen zum Thema und dem Fachmann weltweit. „Von ihm habe ich viel gelernt. Schließlich verband uns eine enge Freundschaft. Er hat mich bei meinem Bemühen, eine Ausstellung zu konzipieren, mit viel Fachwissen unterstützt. Leider ist er vor Jahresfrist verstorben.“

Blick auf die Drei Gleichen | © Uwe Kracht
Mit seiner Ausstellung im Waffenmuseum hat der Gothaer viel erreicht. Leider finden die Besucher dort wenig Gelegenheit, sich von der Leistungsfähigkeit der Ferngläser zu überzeugen. Deshalb sucht er immer nach Möglichkeiten, Interessenten diese Ein- und Ausblicke zu ermöglichen. Als besonders tauglich hat sich die Rhön erwiesen. Nach einer geführten Wanderung stellt Kracht am Gläserberg Ferngläser auf, mit denen die Sicht ganz neue Perspektiven findet.
Titelbild: Gern würde Uwe Kracht seine Ferngläser auch auf dem Großen Inselsberg aufstellen, um deren Leistungsfähigkeit zu zeigen | © Uwe Kracht