Regionalmanagement Thüringer Bogen:

Weil die 19-Jährige sich ihre Jacke ausziehen will, stellt sie ihr Glas am Rand eines Stehtisches ab. Wenige Augenblicke später greift sie nach ihrem Drink. Die junge Frau nimmt einen Schluck, kurz darauf einen zweiten. Nur wenig später wird ihr schwindlig, sie bekommt weiche Knie, es gelingt ihr nicht, sich zu konzentrieren, sie erfährt ihre Umwelt durch einen dichten Schleier. Auf ihre Freundinnen wirkt sie Volltrunken. Allerdings wissen diese, dass die 19-Jährige keinen Alkohol trinkt. Zum Glück reagieren sie rasch und effizient. Sie schaffen ihre Freundin aus dem Club, ordern einen Krankenwagen und begleiten sie bis in die Notaufnahme. Dort wird Ketamin im Blut nachgewiesen. Das Mädchen ist mit K.o.-Tropfen vergiftet worden. Dass sie nicht zum Opfer wurde, verdankt sie dem umsichtigen Handeln ihrer Freundinnen.

„So glimpflich geht das leider nicht immer aus“, sagt Markus Duelli. Der Ilmenauer Unternehmer ist der Gründer von SafeSwitch, einem Getränke-Schutzsystem gegen K.o.-Tropfen. Bislang gab es keinen wirklich wirksamen Schutz vor solchen Anschlägen. Getränke-Schutzkappen sehen hübsch aus, allerdings braucht’s keine ausgeprägte Fingerfertigkeit, um diese unbemerkt zu lösen, die Substanz ins Getränk zu geben und dann wieder aufzuziehen. Noch schneller geht es mit einer Spritze. Dann gibt es Armbänder, mit denen man seinen Drink auf K.o.-Tropfen testen kann. Manche reagieren auf zwei, andere auf vier oder acht Substanzen. „Wenn man weiß, dass es rund 300 verschiedene Substanzen gibt, die missbräuchlich als K.o.-Tropfen eingesetzt werden könne, gaukeln diese Armbänder eine Sicherheit vor, die es gar nicht gibt“, beklagt Duelli.

Wirksam ist allein das Glas nicht aus den Augen zu lassen. Das aber widerspricht jeglichem Verhalten in einem Club. Da wird getanzt, debattiert, gelacht und die Toilette aufgesucht. Sich auf die Freunde zu verlassen, vermittelt auch keine optimale Sicherheit. Diese Bedrohung sei spürbar, sagt der diplomierte Medientechnologe. „Das ist mir besonders in einem Ilmenauer Club augenfällig geworden. Hinzu kam, dass es im engeren Bekanntenkreis drei Fälle gab, wo Menschen mit K.o.-Tropfen vergiftet wurden.“ Es müsse einen Weg geben, Getränke, da wo viele Menschen feiern, sicher zu machen. Ihm sei schon bewusst, dass es bei näherer Betrachtung widersinnig ist, sich überhaupt mit diesem Thema beschäftigen zu müssen. „Vielleicht jedoch kann ich auf diese Weise mithelfen, dass eine Gesellschaft entsteht, in der SafeSwitch und andere Mittel nicht mehr gebraucht werden.“

Duelli schwebte eine Lösung vor, bei der allein der Besitzer des Glases Zugriff auf den Inhalt hat. Am Ende stand ein Schloss-Schlüssel-System. „Ein mechanischer Verschluss dichtet das Gefäß sicher ab und verhindert gewaltsames Entfernen. Geöffnet wird es mittels eindeutiger Identifikation durch einen individualisierten und berührungslosen Chip, der in einem stylischen Schmuckstück verborgen ist“, beschreibt der Erfinder die Funktion. Letzteres könne ein Ring oder ein Armband sein. Hilfe bekam er von der in Ilmenau ansässigen Kompass GmbH mit ihrem Geschäftsführer Olaf Mollenhauer.

Nach der Produktentwicklung erstreckte sich seine Recherche über 3678 Patente, ehe er selbst ein eigenes Patent anmeldete. Dann scharte er ein Team um sich, Ehefrau Doreen und Sohn Benjamin gehören dazu, ebenso die Studentinnen Elisabeth Haase und Emma Rösner. Bald schon sollen die ersten SafeSwitch auf dem Markt sein. „Wir wollen im August mit einem Crowdfunding starten. Das läuft dann über 30 Tage. Alle, die sich in diesem Zeitraum einen SafeSwitch bestellt haben, bekommen ihn Ende September zugeschickt. „Da haben wir dann eine erste Kleinserie auf dem Markt“ freut sich Markus Duelli. Diese soll etwa 500 Stück umfassen. Eine eigene Fertigungslinie will der Ilmenauer nicht aufbauen. „Wir suchen jetzt schon Firmen, mit denen wir zusammenarbeiten können, um den SafeSwitch zu produzieren. „Und das werden auf alle Fälle Unternehmen aus der Region sein“, verspricht er.

Foto: Das Innenleben des SafeSwitch | © Simmen