Regionalmanagement Thüringer Bogen:

„Wir sind“, sagt Manuel Löffelholz, „ein Verein, in dem sich Betroffene zusammengefunden haben.“ Diese hoben vor zehn Jahren, 2016 also, den Verein BILING aus der Taufe. Die Vereinsgründer sind Eltern gehörloser oder hörbehinderter Kinder. Sie alle müssen die Behinderung ihrer Mädchen und Jungen akzeptieren. Freilich keineswegs zu akzeptieren gewillt sind sie, dass es für diese keine kulturellen Angebote gibt. „Theateraufführungen mit Gebärdensprache suchte man in Thüringen vergebens“, sagt Löffelholz. Er hat den Überblick, weil er damals im Arnstädter Landratsamt für Kulturförderung verantwortlich war. Als Ärgernis verstehen die Vereinsmitglieder ebenso die fehlende inklusive Beschulung gehörloser oder gehörgeschädigter Kinder.

Die Bilanz, die der Verein nach einem Jahrzehnt zieht, kann sich durchaus sehen lassen. „Als wir starteten gab es vom Thüringer Gehörlosenverband so gut wie keine Angebote für die junge Generation. Dort fokussierte man sich auf die Mitglieder so um die 50 plus“, erinnert sich der Vereinsvorsitzende. BILING brachte erste Angebote für Kinder und Jugendliche auf den Weg: Theaterbesuche mit Gebärdendolmetscher und Gebärdensprachpoesieveranstaltungen. Zugegeben, ein sperriges Wort. Für die Betroffenen verbirgt sich dahinter eine ganz neue und vor allem bunte Welt. Schließlich können sie auf diese Weise ihre Poesie oder andere Künste in ihrer ureigenen Sprache einem Publikum vorstellen.

Schnell zeigte sich, dass dieses Feld nicht das einzige ist, auf dem der Verein tätig werden muss. „Ebenso war es uns wichtig, den Verein als Institution zu etablieren, die der Politik sozusagen auf die Finger schaut und den Verantwortlichen sagt, hey, es ist nicht nur eine Familie, sondern es sind mehrere Familien, die diese Bedarfe haben“, betont Löffelholz. BILING suchte zudem in Thüringen nach einem Weg zur bilingualen Beschulung. 1880 fand in Mailand der Zweite internationale Taubstummen-Lehrer-Kongress statt, auf dem beschlossen wurde die Gebärdensprache aus dem Unterricht zu verbannen. Fortan zählte vorwiegend Lippenlesen, was sich fatal auf Wissensvermittlung auswirkte. Damit wollten sich die Vereinsmitglieder ändern, selbst wenn mittlerweile knapp 150 Jahre ins Land gezogen waren.

In dieser Zeit sollte in Erfurt die Schule am Roten Berg geschlossen werden, was sich unterm Strich als Glücksfall erwies. „Wir haben Kontakt aufgenommen, unsere Idee vorgestellt und das Kollegium zeigte sich offen für das bilinguale Konzept.“ Das schließt neben Fremdsprachen wie Englisch beispielsweise auch Gebärdensprache (DGS) als zusätzliches Sprach- und Kommunikationsangebot ein. Was die Gemeinschaftsschule heute ausmacht, hat der renommierte Pädagoge Prof. Dr. Johannes Hennies mitverantwortet, der heute einen Lehrstuhl für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik an der Hochschule in Heidelberg innehat. Dass diese besondere Schule in Erfurt deutschlandweit als Leuchtturm angesehen wird, schreibt sich ein stückweit der Verein BILING auf die Fahne.

Die Adresse des Vereins ist Arnstadt, weil dort der Vorsitzende wohnt, Sitz ist in Erfurt. Auch wenn die Aktivitäten im Wesentlichen auf Thüringen beschränkt sind, die rund 120 Mitglieder kommen auch aus dem Norden und dem Süden der Republik, selbst wenn sie „nur“ mit ihrem Vereinsbeitrag die Arbeit unterstützen. Die Thüringer Politik hat lange schon BILING als Partner wahrgenommen, der die Anliegen seiner Mitglieder mit Vehemenz vertritt, jedoch mit konstruktiven Vorschlägen die Sacharbeit bereichert.

Besonders im Jubiläumsjahr richtet BILING zahlreiche Veranstaltungen aus. Am 10. Oktober findet die Festveranstaltung im Erfurter Stadtgarten statt. In diesem Rahmen gibt es Podiumsdiskussionen mit Vertretern aus der Landespolitik, wo das Thema Deutsche Gebärdensprache als Fremdsprache beleuchtet wird. „Da gab es ja auch Bestrebungen in Thüringen, die DGS als Fremdsprache einzuführen und umzusetzen. Und da wollen wir einfach auf den aktuellen Stand nochmal eingehen und auch das Thema Gebärdensprache im Sport und im kulturellen, also im Freizeitbereich, im Kulturbereich unter die Lupe nehmen“, sagt der Vereinsvorsitzende. Die Theater-AG an der Gemeinschaftsschule Roter Berg gestaltet zwei Aufführungen. Vorab lädt der Verein zum Sommerfest, wo vor allem Nichtvereinsmitglieder mit BILING bekannt gemacht werden sollen, um nur einige Höhepunkte aufzuzeigen. Details sind auf der Homepage des Vereins zu finden: https://biling-ev.de/

Foto: Die Siegerinnen werden beim „KinderGebärdensprachFestival“ ausgezeichnet. | © BILING e.V.