Regionalmanagement Thüringer Bogen:
Jonas Skoberla spielt mit offenen Karten, immer. Das gebiete der Respekt, sagt er. Nur einmal, da hat er alle Fünfe gerade sein lassen. Das war Down Under, auf einer Farm, beim finalen Entscheid, ob der Gothaer in den nächsten Monaten seinen Lebensunterhalt in der Landwirtschaft verdienen können würde oder weiter kellnern müsse. Also habe er, Jonas, tapfer lächelnd gesagt, er sei in Deutschland auf einer Farm aufgewachsen und schon Traktor gefahren, da reichte er mit seinen kleinen Beinen grad zu den Pedalen hinab. Das hat den Farmer überzeugt, geflunkert oder nicht, und der Deutsche gehörte fortan zur Crew. Hier hat er mit sprichwörtlicher deutscher Gründlichkeit überzeugt, selbst letzte Stängel der Ernterückstände ließ der Gothaer verschwinden. Aber später, ehe Jonas weiterzog, gestand er die kleine Notlüge verlegen ein.
Fernweh ist mehr als Lust aufs Reisen, das war dem Heranwachsenden früh schon klar. Ebenso wie die Tatsache, dass ohne Finanzen die Welt zwar offensteht, die Türen hindurch jedoch verschlossen bleiben. Die Eltern, den er seine Pläne die Kontinente zu bereisen darlegte, zeigten Verständnis und signalisierten jegliche Unterstützung – außer finanzielle. „Das“, sagt er rückblickend, „hatte ich auch gar nicht erwartet.“ Und deshalb hatte Jonas seinen eignen Finanzierungsplan längst fertig, dessen wichtigste Säule arbeiten hieß. Nach seiner Ausbildung an der Andreas-Gordon-Schule in Erfurt mit dem Schwerpunkt IT, setzte er sich bei einer Firma ans Band, für drei Monate. Immerhin wollen die Australier 10.000 Euro sehen, ehe sie der Einreise zustimmen.
Für den Gothaer war das 2016 möglich. Er landete auf dem Kingsford Smith International Airport in Sydney, bestens gerüstet für einen längeren Aufenthalt. „Ich habe darauf verzichtet, eine Organisation zu bemühen, um ein Arbeitsvisum zu bekommen“, erzählt er, „und ich bin ganz gut allein zurechtgekommen.“ Jedenfalls hatte er bald schon nach seiner Ankunft einen Job in der Gastronomie, in einem gehobenen Restaurant am Strand, wo er im Mittags-Service arbeitete. Mit anderen Traveller wohnte er in einem kleinen Strandhaus. Und da gab es einen, der rauchte Tag für Tag eine ganze Schachtel Zigaretten, sehr zum Erstaunen der anderen. „Denn in Australien kostet eine Packung umgerechnet so 70, bis 80 Euro, da habe ich ihn einfach mal gefragt, woher er so viel Geld hat. Und der sagte, er sei Traktorfahrer auf einer Farm, da verdiene man gutes Geld. Schlagartig war mir klar: Das will ich auch machen.“ Den entsprechenden Führerschein hatte er in der Tasche, der Bekannte nahm ihn mit zur Farm und unter seine Fittiche. Nach harten Probewochen beim Distelausreißen saß Jonas auf dem JCB-Traktor und bearbeitete an der Westküste riesige Felder.
Zurück in die Heimat reiste er nicht ganz freiwillig. Doch die Eltern drängten darauf, dass der Sohn eine Ausbildung macht. Und der wiederum fand ein Handwerk für sich passend, eines, bei dem man möglichst vielseitig ausgebildet wird. Als technischer Modellbauer für die Automobilindustrie lernte Jonas Skoberla in Bielefeld drehen, fräsen, lackieren und schweißen. Und er lernte seine Freundin kennen. Der gestand er früh in der Beziehung, dass er weder in Bielefeld noch in Deutschland bleiben würde … Bald schon stand fest: Die Freundin würde ihn auf seinem weiteren Weg begleiten.
Zunächst in die Schweiz, nach Laax, in eines der tollsten Skigebiete des Landes, wie Jonas findet. Dort konnte er nicht nur in der Gastronomie Geld verdienen, sondern ebenso seiner Leidenschaft fürs Snowboardfahren frönen. Drei Winter arbeitetet das Paar in einem kleinen Familienbetrieb. Im Sommer reiste es nach Spanien und half bei der Olivenernte, dann kam der Entschluss: Wir sehen uns Neuseeland an. Das bedeutete allerdings nicht einen Flieger zu besteigen und dorthin zu fliegen. Caro und Jonas wählten den Landweg: Arbeiteten in Griechenland und in Japan, ebenso in Südkorea. „Es gibt da eine prima App – Workaway. Dort finden sich Jobangebote für Reisende, dort kann man sich mit seinen Fähigkeiten selbst anbieten.“ In Japan baute der Gothaer eine Trockentoilette. Erfahrungen damit sammelte er bereits in Spanien. Mehr als einen Monat hat er im Land der aufgehenden Sonne an diesem Teil gebaut.
Auf den Philippinen dann suchte sich Skoberla bereits seinen Job in Neuseeland, so dass er direkt nach der Ankunft dort arbeiten konnte, auf einer Farm nahe Gisborne, einer Stadt im Osten der Nordinsel von Neuseeland. „Ich habe Rucola, Lollo Rosso, Grünen Salat und Melonen gesät und geerntet. Mit einem kleinen Traktor, weil das in einem Gewächshaus war und damit unter ganz anderen Bedingungen als in Australien.“ Vom Verdienst bereiste das Paar die Insel.
Der Weg führte Jonas Skoberla immer wieder zurück in die Gothaer Heimat, um in Druckzeiten im väterlichen Geschäft zu helfen, dem Irish Pub S’limerick auf dem Buttermarkt. Im Juni wird er wieder die Kellnerschürze anlegen, wenn Familie Skoberla 30 Jahre Gastronomie in Gotha feiert. Die meisten Jahre davon hat der heute selbst 30-Jährige bewusst miterlebt, als Kind und später aktiv beim Unterstützen im Gastraum. Besonders gern erinnert er sich an die Beachpartys im Carnaby, wo anderthalb Tonnen Sand in den Gastraum geschaufelt wurden. Schon länger steht fest, dass Jonas den Pub übernehmen wird. Darauf freut er sich. Doch vorher, wir ahnen es, wird er sich noch einmal auf den Weg machen, für längere Zeit, übers Meer nach Kanada …
Foto: Jonas Skoberla im väterlichen Betrieb | © Jonas Skoberla