Regionalmanagement Thüringer Bogen:
Gerade mal 34 Kilometer lang, betrieb das Wasser der Apfelstädt einstmals beachtliche 56 Mühlen. Eine von ihnen steht in Herrenhof. Und das schon seit weit mehr als 850 Jahren. Erstmals erwähnt wurde diese Mühle 1168. Sie gehörte zum Zisterzienserkloster in Georgenthal. Die Mönche schätzten und nutzten die Kraft des Wassers von alters her. Die Herrenhofer Mühle ist seit Generationen im Besitz der Familie Platz. Wobei der Großvater der letzte Müller in der Familie war. Nach genau 800 Jahre musste dieser den Mühlenbetrieb einstellen. Durch die Inbetriebnahme von Industriemühlen in der DDR sei die Arbeit des Großvaters nicht mehr wirtschaftlich gewesen, sagt Matthias Platz, und von den Oberen auch nicht wirklich gewünscht. Dass die Mühle nicht verfiel, ist ihm und seinen Vorfahren zu danken, denen es Herzensangelegenheit war, die Anlage zu erhalten. Zu der gehörte nicht nur das Gelände samt Bebauung, sondern auch das Wasserrecht.
Und genau dieses Wasserrecht ermöglichte es Platz die Mühle weiterhin zu nutzen, wenngleich er auch kein Mehl mehr mahlt. Das Wasserrecht erstreckt sich auch auf das Wehr oberhalb des Mühlengebäudes. Als Matthias Platz die Mühle zur Wohnung ausbaute, entschloss er sich in diesem Zuge das Wasser der Apfelstädt zur Stromgewinnung zu nutzen. Seit 2001 treibt der Fluss über einen Mühlgraben eine Francis-Turbine an, die nicht nur die Familie Platz mit Strom versorgt. Was er nicht nutzt, wird ins Netz eingespeichert.
Nun gehört zum Besitz der Familie auch das Wehr oberhalb der Mühle. Das sei ein glücklicher Umstand, der nicht sehr oft in Thüringen vorkommt, sagt Platz. Und genau das ermöglichte dem Nachfolger der Müllerfamilie ebenfalls dort die Wasserkraft des Flüsschens zu nutzen, das im Thüringer Wald oberhalb von Tambach-Dietharz entspringt und bald schon nahe Molsdorf in die Gera mündet. Und dazu nutzt er eine Wasserkraftschnecke. Diese ist sozusagen die Umkehr der Archimedes-Schraube, mit der Wasser aus dem Fluss auf die Felder gehoben wurde. Bei der Wasserkraftschnecke fließt das Wasser nach unten und setzt dabei die Schnecke in Bewegung. Über eine Welle und ein Getriebe wird damit ein Generator zur Stromerzeugung in Gang gesetzt. Den gesamten Strom, den Platz auf diese Weise erzeugt, speichert er ins öffentliche Netz ein.
2011 wurde die Anlage in Betrieb genommen. Wenig später schon befand sie Autor Dirk Michael Nuernbergk für würdig, sie in seinem Buch über Wasserkraftschnecken in Europa näher unter die Lupe zu nehmen. Dem Wissenschaftler geht es darum, die Vorteile dieser Form der Energiegewinnung darzustellen. Die Wasserkraftschnecke zeichnet sich durch einen hohen Wirkungsgrad aus, ist kostengünstig und einfach aufzubauen und darüber hinaus auch fischfreundlich. Um die Wirkung der Herrenhofer Anlage zu bestimmen, haben Nuernbergk und Mühlenbesitzer Platz zahlreiche Messreihen vorgenommen. Deren Ergebnisse dienten einmal der Verbesserung der Leistung der Wasserkraftschnecke zeigten aber auch, dass sich der Betrieb der Anlage trotz des Niedrigwassers der Apfelstädt in den Sommermonaten lohnt. Übers Jahr betrachtet erweist sie sich als effizient.
Matthias Platz muss sich regelmäßig um das Wehr kümmern. In dieser Jahreszeit wird jede Menge Laub angeschwemmt, das beseitigt werden muss. Bei Hochwasserereignissen muss er notfalls auch nachts raus, um Schlimmeres zu verhindern. Den Bau der Anlage hat er ausschließlich selbst finanziert. Dazu gehört auch die Fischtreppe, ohne die er keine Genehmigung bekommen hätte. Ein wirtschaftlicher Betrieb ist lange nicht in Sicht. Für Platz aber ist es wichtig, das, was er von seinen Vorfahren geerbt hat, zu nutzen. Und das geht für ihn nur gemeinsam mit der Apfelstädt.
Foto: Matthias Platz muss im Herbst auch die Fischtreppe frei von Laub halten. Diese ist Bestandteil der Wasserkraftschnecke zur Energiegewinnung in der Apfelstädt. | © Simmen
