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Am Freitag, 1. September 1978 war es in Thüringen dicht bewölkt und regnerisch. Dem jungen Mann, der gegen sieben Uhr zum Gothaer Museum der Natur eilte, war das herzlich egal. Er hatte in seiner Tasche einen Vertrag als Technische Hilfskraft im Arbeitsbereich zoologische Präparation bei den Museen der Stadt Gotha und war damit zunächst am Ziel seiner Wünsche. Diesem September gegenüber liegt der 1. März 2026, ein frühlingshafter Tag. Schon am Vormittag folgte eine fröhliche, bunte Schar Menschen einem Löwenmodell vom Rathaus hinauf zum Schloss. Gefeiert wurde im Thronsaal gleich zweifach: Das Löwenpräparat „Bono“ präsentierte sich vor seinem endgültigen Einzug in die Ausstellung „Tiere im Turm“. Und Peter Mildner, der Präparator, bekam seine verdiente Ehrung zum Abschied in den Ruhestand – nach 47 Jahren und sechs Monaten. (damals jüngster, zum Schluss als dienstältester Mitarbeiter)

Das Präparat des Königs der Tiere ist der offizielle Schlusspunkt unter seine Tätigkeit für die Gothaer naturwissenschaftlichen Sammlungen. Zunächst im Museum der Natur, zuletzt für die Friedenstein Stiftung. Der Löwe blickt majestätisch, ein bisschen gelangweilt, hat den Kopf leicht zur Seite genommen und trotzdem den Betrachter im Blick. So könnte sich Bono einst den Zoobesuchern in Halle präsentiert haben. Peter Mildner hat sich letztlich für diese Pose entschieden, weil sie seiner Arbeitsweise entspricht. Bono ist ein würdiger Abschluss der langen Reihe von Tierpräparaten, die Mildner für die Sammlung gefertigt hat. Jetzt ist er Ruheständler.

Und das konnte er in jüngster Vergangenheit schon mal üben. Proberentnern nennt er das, den Wechsel zwischen Arbeitswochen und längeren Abschnitten freigestellt. „Das hat mir ganz gut gefallen“, sagt er und schränkt sogleich ein: „Das funktioniert aber nur, wenn ich gut zu tun habe und wenn das, was ich mache, auch gebraucht wird.“ Die Vorstellungen vom Ruhestand sind für Mildner streng umrissen. Däumchen drehen ist dort nicht vorgesehen. Aufträge warten bereits darauf, abgearbeitet zu werden. Seine Fähigkeiten waren früh schon auch außerhalb seines Gothaer Wirkungskreises gefragt.

Foto: Bono als erste Löwe im Spiegelsaal auf dem Friedenstein | © Simmen

So hat er, natürlich in Ab- und mit Zustimmung seines Arbeitgebers, an der umfassenden Sanierung des Meeresmuseums in Stralsund mitgewirkt, das im Sommer 2024 neu eröffnete. Auch im Ozeaneum der Hansestadt sind Arbeiten von ihm zu sehen, die Kegelrobben beispielsweise. Außerdem war der Gothaer in Erfurt dabei, als fürs dortige Naturkundemuseum der Gorilla Pesco für die künftige Primatenausstellung zur Präparation vorbereitet wurde. Selbst im historischen Museum in Abu Dhabi, sind Modelle des Gothaer Fachmanns zu bestaunen. Große Modelle, bis fünf Meter, jedoch auch kleine. Außerdem stellte er Körper für Dermoplastiken her und modellierte er Amphibien und Reptilien für das Museum in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Die Frage, wie viele Präparate in all den Jahren unter seinen Händen entstanden sind, kann Peter Mildner nicht wirklich beantworten. „Vielleicht sind es 500“, sagt er, das erscheine ihm realistisch. Wobei er sich nicht wundern würde, wenn es einige mehr wären. Für ihn zählt vordergründig nicht die schiere Zahl. Mildner kann auf beeindruckende Vielfalt an Präparaten blicken. Vom Zaunkönig bis hin zum drei Meter messenden Seeelefanten. „Und die großen Tiere verlangen enormen Zeitaufwand, das darf man nicht außeracht lassen.“

Außerdem, fügt er an, habe er nicht nur präpariert. Seinem Geschick verdankt das Museum zahlreiche Modelle, Nachbildungen und Rekonstruktionen, auch wie zum Beispiel vom Gothaer Kranz für die Jubiläumsaustellung 1250 Jahre Gotha im Herzoglichen Museum. Eine seiner letzten Amtshandlungen war der Abguss vom Friedenskuss am Schlossportal. „Der geht im Rahmen einer Ausstellung nach China.“ Ob Sonder- oder Dauerausstellungen zur naturkundlichen Sammlung der vergangenen vier Jahrzehnte – auch sie trugen und tragen Mildners Handschrift.

Foto: Mildner im Gespräch mit Oberbürgermeister Kreuch | © Simmen

Was macht für ihn ein gelungenes Präparat aus? „Wenn du ein Foto in der Hand hältst und felsenfest davon überzeugt bist, das abgebildete Tier ist lebendig, dann hat der Präparator eine hervorragende Arbeit abgeliefert“, erklärt er. Wobei wohl jeder Fachmann eigne Prämissen pflegt. Mildner selbst würde niemals auf die Idee kommen, ein Tier in eingefrorener Bewegung zu zeigen, etwa im Sprung. Das sei, sagt er, schließlich keine dauerhafte Position. Hingegen fordere ein ruhendes Objekt förmlich zur Beobachtung heraus. Beim Präparat von Bono versetzte Mildner den Löwen in eine Position, in der auch Safari-Touristen in der Savanne dem König der Tiere begegnen könnten.

Damit der Eindruck von Lebendigkeit schon beim ersten Blick entsteht, widmet der Gothaer ganz besondere Aufmerksamkeit den Augen. Mit ihnen stehe und falle ein Präparat, betont er. Deshalb sammelt und forscht Mildner schon seit seinen frühen Jahren zu diesem Thema. Für den richtigen Blick braucht es viel Fingerspitzengefühl und noch mehr Fachwissen. Er hat in mehr als drei Jahrzehnten eine beachtliche Augensammlung von Säugetieren und Vögeln aus allen Erdteilen zusammengetragen, fast 2.500 Augenpaare die in Alkohol konserviert sind. In zwei Katalogen hat er die Augen der europäischen Säugetiere und Vögel mit Größen, Farben und Formen beschrieben.

Mit „Bono“ verabschiedet sich Peter Mildner von seiner Wirkungsstätte. Ein Schlussstrich ist das jedoch nicht …

Titelbild: Die Museumslöwen besuchen den Präparator in seiner Werkstatt | © Simmen